reconstructing life VI - Vernissage 8.6.2006 - June 8th, 2006

Karl Kilian zeigt in dieser Installation Found Footage bestehend aus 3000 Dias und einigen Super 8-Filmen die er im Jahr 2001 in Berlin erworben hat und mit denen er das Projekt reconstructing life I realisierte. Dabei folgte Kilian den aus dem Material sich ergebenden Spuren und Hinweisen und rekonstruierte durch Archivrecherche, Interviews usw. das Leben der Protagonisten der Fotos und Filme. Kilian orientierte sich dabei an der Idee der Mentalitätsgeschichte von Patrick H. Hutton

In dieser Arbeit nimmt Kilian die Filme und Dias der ersten reconstructing life-Arbeit erneut her, zeigt diese z.T. digitalisiert, gibt aber nicht seine bereits 2001/2002 rekonstruierte Lebensgeschichte der abgebildeten Personen, sondern bittet – wie bei reconstructing life IV – das anwesende Publikum aufgrund der gezeigten Filme und Dias ihren Eindruck über diese Menschen zu Papier zu bringen und sich mit dem Privatleben dieser Menschen (Urlaubsfilme auf der Alm, Besäufnisse daheim, Fotos im Kosmonautenmuseum, gekaufte Kirchenansichten etc.) auseinander zu setzen. Die entstandenen Lebensbeschreibugen des Publikums werden dann auf der Seite www.rasprechs.com online gestellt.

Vernissagespecial: Brotsuppe for free
Vernissage Donnerstag 8. Juni 6002, 19 Uhr
Ausstellung von 9. bis 24. Juni



Die Grundidee – reconstructing life

reconstructing life ist eine Arbeitsreihe, die im Jahre 2001 in Berlin mit einem Trödlerbesuch begann, bei dem Karl Kilian eine Kartonschachtel mit ca. 3000 Dias und einigen alten Super 8 Filmen erstand (Das war zugleich der Gründungstag von Sammlung Archiv Karl Kilian).

Bei der Sichtung des Materials wurde klar, dass dieses Konvolut Blitzlichter eines Lebens preisgibt. Dabei fanden sich auch neu entwickelte Filme, auf denen noch der Name und die Adresse des Auftraggebers geschrieben war. So begann Karl Kilian – sich an der Idee der Mentalitätsgeschichte von Patrick H. Hutton (siehe unten) orientierend – das Leben der Protagonisten auf den Fotos und Filmen in Archiven zu rekonstruieren. Er besuchte das Wohnhaus und die Lebensräume der abgebildeten Personen, spürte ihrer Karrieren und ihrem Privatleben nach und rekonstruierte nach und nach die Geschichte und den Alltag dieser Menschen. – So entstand reconstructing life I.

reconstructing life II – Der Polnische Koffer

Bei einer Reise nach Polen im selben Jahr fand Karl Kilian auf einer Straße im Regen in Warschau einen alten Koffer neben dem Müll stehen, beim Hineinsehen fanden sich u.a. Briefe, Dokumente usw. aus der Zeit des Warschauer Paktes. Kilian nahm den Koffer mit zu sich und untersuchte ihn daheim mit polnischen Freunden. Schnell wurde klar, dass es sich dabei um einen Glücksgriff handelte:

Der Koffer enthielt Teile der Geschichte eines Mannes und seiner Familie, der für Polen in den 1960ern Kaffee importierte, dann aber wegen Betruges ins Gefängnis kam. Es gibt in dem Konvolut auch einen Brief aus dem Gefängnis an seine Familie, in der er seine Situation im Gefängnis beschreibt und u.a. schildert, wie er genauso schlecht behandelt würde wie mitinhaftierte Mörder.

Ein Film über dieses Schicksal befindet sich in Vorbereitung

reconstructing life IV – Die Kassetten der Hermannstraße

In einer Nacht im Winter 2004/2005 fand Karl Kilian in der Hermannstraße im 7. Wiener Gemeindebezirk zwei Bananenschachteln voll mit Video- und Musikkasetten. Darüber klebte ein großes Blatt Papier (auf dessen Rückseite sich eine colorierte Tuschezeichnung befindet) mit der Aufschrift “Zur feien Entnahme”. Zuerst wollte Kilian sich nur eine Kassette nehmen, da die/das Sammlung Archiv bereits aus allen Nähten platzt, dann viel ihm aber wieder das Projekt reconstructing life ein und er schleppte beide Kisten mit vor Anstrengung hochrotem Kopf nach hause. Dort fand sich dann auch in dem Found Footage ein Notizbuch und Fotos – so war die Identität der Person wecher diese Sachen gehört hatten klar. Da Kilian diese Arbeit der Rekonstruktion eines Lebens bereits in reconstructing life I gemacht hatte, kam er auf eine andere Idee:

In seiner Rolle als dj trashterrier wird er im Herbst – voraussichtlich im rhiz – alle Kassetten aus den beiden Schachteln mit auf die Bühne bringen und das vor Ort anwesende und online beteiligte Publikum kann sagen, welche Kassette (mit zum Teil sehr schrägen selbstgebastelten Covers) aufgelegt werden soll. Daraus entsteht ein musikalisches Potpourri, dessen Stil bzw. Sinn sich durch Zufall ergeben wird. Diese Lieder sind wieder Blitzlichter eines individuellen Lebens, Kilian fordert das real und virtuell anwesende Publikum auf, aufgrund dieser Eindrücke aufzuschreiben, wie sie glauben, dass die Personen sind, von denen diese Musiksammlung stammt.

Dazu werden die in den Schachteln gefundenen Videos gezeigt.

Die so entstehenden Lebensbeschreibugen des Publikums werden auf der Seite www.rasprechs.com online gestellt.

reconstructing life VI

In dieser Arbeit für die cuisine digital im Museumsquartier verbindet Karl Kilian rcI und rcIV:

Er nimmt die Filme und Dias der ersten reconstructing life-Arbeit erneut her, zeigt diese z.T. digitalisiert, gibt aber nicht seine bereits 2001/2002 rekonstruierte Lebensgeschichte der abgebildeten Personen, sondern bittet – wie im 4. Teil – das anwesende Publikum aufgrund der gezeigten Filme und Dias ihren Eindruck über diese Menschen zu Papier zu bringen und sich mit dem Privatleben dieser Menschen (Urlaubsfilme auf der Alm, Besäufnisse daheim, Fotos im Kosmonautenmuseum, gekaufte Kirchenansichten etc.) auseinander zu setzen.

Die entstandenen Lebensbeschreibugen des Publikums werden dann auf der Seite www.rasprechs.com online gestellt.



Ad Mentalitätsgeschichtlicher Zugang:

Karl Kilian geht von dem Ansatz von Patrick H. Hutton aus. Hutton meint, die Mentalitätsgeschichte führe die klassische Kulturgeschichte fort, untersuche aber nicht wie diese primär die Eliten, sondern breitere Bevölkerungsgruppen. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr die Weltanschauungen, sondern die Strukturen, durch die solche Anschauungen vermittelt werden. Strukturen meinen hier jene Formen, durch die mentale Tätigkeit geregelt werden wie Bilder, Codes, Gesten, Rituale oder Bräuche. Huttons Arbeiten verweisen hier auf die breiten Versuche in den 1970er und 1980er Jahren, die traditionelle Unterscheidung von Eliten- und Alltagskultur zu überwinden.

Patrick H. Hutton: The History of mentalities; the new map of cultural history, in: History and Theory 20 (1981), dt. in: Raulff, Ulrich: Vom Umschreiben der Geschichte, Berlin 1986, Verlag Klaus Wagenbach

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